Nachlese zum BeziehungsRaumEreignis 2016

Das BeziehungsRaumEreignis 2016 hat Eindrücke hinterlassen, die wir an dieser Stelle mit Ihnen teilen möchten. Auf diese Weise wollen wir versuchen, den Geist der Veranstaltung lebendig wiederzugeben. Insbesondere möchten wir die vielfältigen inhaltlichen Facetten würdigen, die von den Teilnehmenden, den Keynote-Speakern, den Moderatoren und nicht zuletzt von den Dokumentatoren erarbeitet worden sind.

 

„Macht & Ohnmacht“ – worüber reden wir?

Gleich zu Beginn der Veranstaltung waren wir neugierig zu erfahren, mit welchen inneren Bildern und Begriffen die Teilnehmenden gekommen waren. Alle Ankommenden wurden daher gebeten, ihre zentralen Begriffe zu dem Thema Macht & Ohnmacht auf zwei Moodboards festzuhalten.

Wie erwartet, zeigte sich bereits an dieser Stelle eine Fülle von Assoziationen, insbesondere zum Begriff der Macht.

In der Begrüßungsansprache von Marion Lecour wurden gleich auch noch weitere Facetten angerissen:

  • Scheinbar hierarchiefreie Räume bieten dennoch Möglichkeiten der Wahrnehmung von Macht
  • Der Umgang mit der Macht in Organisationen hat sich deutlich verändert
  • Über Macht verfügen auch scheinbar Ohn-Mächtige (Dienst nach Vorschrift, Streik, Sabotage, …)
  • Die mit Macht verbundene übertragene Verantwortung kann von Mitarbeitern auch als Überforderung oder als unbequemer Nebeneffekt abgelehnt oder unterlaufen werden
  • Macht scheinbar Ohnmächtiger erleben wir derzeit auch in sozialpolitische Zusammenhänge, wie bspw. der Flüchtlingsbewegung mit ihren eklatanten Auswirkungen in ganz Europa

Mit dem Beitrag von Antje Lawa erschloss sich den Teilnehmenden zudem der Zugang zu Erfahrungen mit den eigenen genutzten und ungenutzten Potenzialen. Die Geschichte vom kleinen Elefanten hat uns alle zu intensiven Diskussionen angeregt.

Weitere spannende Facetten von Macht & Ohnmacht wurden im anschließenden World-Café auf der Basis einschlägiger Zitate diskutiert.

Impulse unserer Keynote-Speaker

  • „Die Macht der Leidenschaft“

    Das Unternehmerpaar Philipp und Vivica Bree erzählten von ihrem Wunsch etwas Nachhaltiges zu schaffen, ein Objekt, das für andere Menschen zum geliebten, vielleicht lebenslangen Begleiter werden kann. Grundlage dieses Wunsches war einerseits die eigene Erfahrung von Kindheit an im Kontakt mit den Produkten des Unternehmens, aber auch die Bedeutung einer Tasche, die, vom Vater an den Sohn verschenkt, zu einem solchen geliebten Objekt geworden war.

    Diese Erfahrung bildete den Ausgangspunkt für eine eigene Suche nach dem Einzigartigen, Besonderen, das sich in ausgewählten Materialien, einem minimalistischen Design und in der besonderen Begegnung mit Gleichgesinnten realisieren sollte. All dies lag nicht vor der Haustür. Auf Reisen sind sie fündig geworden und haben daher ein internationales Netzwerk mit Designern und Manufakturen geknüpft, die ihre Leidenschaft teilen. Dabei war der Aufbau des Unternehmens unter dem Label „pb 0110“ auch mit persönlichen Entbehrungen und Belastungen verknüpft. Doch dass die Macht der Leidenschaft Begeisterung erweckt, davon sprachen nicht zuletzt die leuchtenden Augen der Frauen angesichts der mitgebrachten Exponate.

  • „Die Macht der Information“

    Marcus Johst, Journalist, Medien-Profi und spezialisiert auf Krisenkommunikation lud die Teilnehmenden ein, ihre Wahrnehmung von medialer Information im digitalen Zeitalter zu diskutieren. Schnell fokussierte sich die Diskussion auf den Aspekt der Glaubwürdigkeit. Mit teilweise provokanten Aussagen zum Warencharakter von Medien kommt der Aspekt der Selbstverantwortung der Leser ins Spiel. Welche und wessen Wahrheit wird in den Medien verkündet? Wieviel Zeit steht für die solide Recherche zur Verfügung? Niemals vorher hat es so viele Möglichkeiten gegeben, sich aus unterschiedlichen Quellen zu informieren. Und darüber einen selbstbestimmten Umgang mit Medien zu entwickeln.

  • „Die Macht der guten Tat“

    In seinem Beitrag „Die Macht der guten Tat“ berichtete Hans Reitz mit seiner gelassenen und bescheidenen Art eindrucksvoll von seinem persönlichen Werdegang als Unternehmer, der bereits im Alter von 12 Jahren begann. Um seiner Mutter zu helfen und die Familie über Wasser zu halten, kratzt er im örtlichen Kino gegen Entgelt festgetretene Kaugummis vom Boden. Daran schließt sich eine ganze Serie von Kleinunternehmen an, bis er schließlich mit 18 Jahren nach Indien geht, um dort Asiatische Musik zu studieren.

    Aus dieser Zeit stammt die Vorliebe fürs Barfußgehen, die er auch nicht aufgibt, als er zurück nach Deutschland kommt, wo er nach einem erfolgreichen Einsatz bei Ogilvy seine eigene Agentur gründet. Die Autostadt Wolfsburg beruht auf seinen Ideen, wie auch viele andere spektakuläre Events. Er selbst lebt mit seiner Familie bescheiden - einen großen Teil seiner Einkünfte stiftet er für soziale Projekte.

    Zusammen mit Friedensnobelpreisträger Mohammad Yunus – der für seine Idee und Umsetzung von Mikrokrediten geehrt wurde – gründet er ein Unternehmen und unterstützt ihn in seiner sozialen Arbeit.

    Für einen Freund, der in Indien das Schulgeld für seine Kinder nicht aufbringen kann, entwi-ckelt er in Deutschland ein Café-Konzept ‚PERFECT DAY‘, auf dessen Basis der in Indien angebaute Kaffee profitabel vermarktet werden kann.

    Zur Verschönerung der Straße, in der das Café sich befindet, bezahlt er Kinder dafür, dass sie auf der Straße festgetretene Kaugummis bunt anmalen. Hässliche Straßenelemente werden behäkelt und umstrickt. Werden sie durch Vandalismus zerstört, werden über Nacht doppelt so viele Objekte bunt bestrickt. Bis der Vandalismus aufhört.

    Und wen wundert es, dass Hans Reitz die Teilnehmenden ermutigt, sich für ihre Ideen konse-quent einzusetzen und dies im Bewusstsein, dass wir alle etwas dazu beitragen können, diese Welt mit unserem eigenen Engagement ein wenig besser zu machen.

Macht & Ohnmacht, sinnlich erfahrbar...

  • Im Sinne des ganzheitlichen Zugangs zu unserem Thema sollte der sinnlich erfahrbare Aspekt des Themas Macht und Ohnmacht nicht zu kurz kommen. Vor der Arbeit in den Workshops nahmen die Teilnehmenden daher in unterschiedlichen Stationen die angebotenen Möglichkeiten wahr, spielerisch selbst Macht symbolisch auszuüben oder am und mit dem eigenen Körper zu erfahren.
    Aufgeladen mit diesen Eindrücken ging es dann in die „Beziehungsräume“…

Beziehungsräume: 7 Aspekte von Macht & Ohnmacht

  • Wissen ist Macht
    Umgang mit Information, Einbindung und Passivität

    Im Workshop „Wissen ist Macht – ich weiß nichts, macht nichts“ wurde der Umgang mit Information, Einbindung und Passivität diskutiert. Anhand der komplementären Begriffspaare Macht – Ohnmacht und Wissen – Nichtwissen haben die Teilnehmenden auch mit Blick auf ihre ganz ei-genen Bezüge aus dem beruflichen und privaten Kontext unterschiedliche Fragen und Thesen entwickelt. Das verkürzte Fazit: Ob (Nicht-)Wissen auch gleichzeitig (Ohn-)Macht bedeutet, hängt davon ab, ob und wie das (Nicht-)Wissen genutzt wird.

  • Die helle und die dunkle Seite der Macht
    Macht aus verschiedenen Grundhaltungen betrachtet

    In diesem Workshop ging es den Teilnehmenden darum, diese beiden Seiten der Macht mög-lichst klar herauszuarbeiten: „was macht ‚helle‘ oder ‚dunkle‘ Macht eigentlich wirklich aus, was genau ist das entscheidende Charakteristikum?“. Danach haben die Teilnehmer die beiden Seiten der Macht mit den Konzepten der Autonomie und der Passivität aus der Transaktionsanalyse in Beziehung gesetzt. 

  • Insignien und Artefakte der Macht
    Entwicklung des symbolischen Machtausdrucks

    Die Geschichten, die wir uns untereinander in und über die Organisation erzählen, der Dienstwagen, das Einzelbüro mit drei Fenstern, die Sitzplatzordnung im Meeting oder der personalisierte Parkplatz mit kurzer Distanz zum Haupteingang – all das sind Beispiele für Insignien und Artefakte der Macht in Organisationen. Sie sind die physische Manifestation der Macht und machen nach außen sichtbar, was nach innen in der jeweiligen Kultur gilt.

    Wie verändert sich dieser symbolische Machtbegriff aktuell durch neu entstehende Arbeitsfor-men und Organisationsmodelle. In welche Richtung entwickelt er sich – welche neuen Symbole bringt er hervor? Wie lässt sich der symbolische Machtbegriff und seine Entwicklung im Kontext von Organisationskultur betrachten?

  • Machtumkehr
    der Arbeitnehmer: vom Produktionsfaktor über die Ressource zum knappen Gut

    Diese Gruppe hat sich dem Thema der Machtumkehr am Arbeitsmarkt anhand von sechs Thesen genähert:

    These 1:

    Arbeitgeber-Casting: In Zukunft werden nicht mehr die Arbeitnehmer sich bewerben, sondern die Arbeitgeber.

    These 2:

    Aufgrund des Fachkräftemangels bekommen Frauen mehr Macht in Unternehmen.

    These 3:

    Im zweigeteilten Arbeitsmarkt werden Hochqualifizierte immer mächtiger und Geringqualifi-zierte immer ohnmächtiger. Weder die Unternehmen, noch die Arbeitnehmervertreter, noch die Politik sind darauf vorbereitet.

    These 4:

    Migration und Zuwanderung sind ein wichtiger Teil der Lösung des Fachkräftemangels, aber nur wenn uns die kulturelle Integration und die Nutzung der Bildungspotenziale gelingen.

    These 5:

    Um dem Fachkräftemangel begegnen zu können, werden Unternehmen flexible Arbeitsplätze (regional, international und individuell) anbieten müssen.

    These 6:

    Aufgrund der Machtumkehr am Arbeitsmarkt müssen Führungskräfte zu den neuen Beziehungsmanagern werden.

  • Übermächtig und machtlos
    Auflösung ungesunder Beziehungsmuster

    Wie Übermacht und Machtlosigkeit auf Handlungsfähigkeit wirken, was gesunde und ungesunde Beziehungsmuster ausmacht und was nötig ist, um trotz Machtgefälle auf Augenhöhe zu agieren, waren Fragestellungen, die wir im Workshop bearbeitet haben. Anhand eines Praxisbeispiels stellten wir die Frage, woran ungesunde Beziehungsmuster erkennbar sind, wie sie aufgelöst werden und wie gesunde Beziehungen gestaltet werden können.

  • Kein Abschied fällt schwerer, als der Abschied von der Macht
    Die Verschiebung formeller und informeller Machtstrukturen

    Im Workshop wurde der Frage nachgegangen, was für einen Machtbegriff und welchen Umgang mit der Macht es heute braucht, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.

    Ausgehend von 3 Machtdefinitionen:

    • Macht als die Chance, Interessen und Entscheidungen auch gegen Widerstände durchzusetzen (Max Weber)
    • Macht als die Fähigkeit, etwas zu bewirken (eigener Versuch einer Definition)
    • Macht als die Fähigkeit zum (autonomen) Handeln (Eric Berne)

    Diskutierten die Teilnehmenden, wie sie Macht und Machtausübung erleben und welche Hypothesen für die zukünftige Ausübung von Macht sie haben.

  • Die Macht der Windmühlen
    Die diffuse Macht von organisationalen Strukturen und Institutionen

    Im Rahmen eines Theater-Workshops wurde die Symbolik des Don Quichote und seines Kampfes gegen Windmühlen in spielerischer Form durch die Gruppe bearbeitet. In kürzester Zeit wurde ein neuer Plot, Drehbuch, Regie und die entsprechenden Rollen in einem ko-kreativen Prozess der Gruppe entwickelt, szenisch erprobt und umgesetzt. 

Macht & Management: Beziehungsmacht – was Macht in Beziehung macht

  • Zum Ende der Veranstaltung hatte sich das gewünschte Format des „BeziehungsRaumEreignisses“ in einer so konkreten und positiven Weise realisiert, dass die beiden Referenten des Schlussbeitrages sich entschieden, die geplante Powerpoint-Präsentation zu canceln und stattdessen mithilfe des Flipcharts in vertrauter dialogischer Form das Thema Beziehungsmacht gemeinsam mit den Teilnehmenden zu reflektieren.

    Finden Sie hier die Originalpräsentation des Beitrages von Michael Korpiun und Martin Thiele.